Stresemann, Gustav (1878–1929)

Bundeskanzler (1923) und Außenminister (1923–1929).

Gustav Stresemann war der wichtigste deutsche Staatsmann der Weimarer Zeit. In Anerkennung seines Beitrags zur Stabilisierung des Nachkriegseuropas erhielt er 1926 zusammen mit seinem französischen Amtskollegen Aristide Briand den Friedensnobelpreis.

Stresemann, der Sohn eines Berliner Zöllners und Bierhändlers in der Nachbarschaft, wuchs unter bescheidenen Umständen auf und war das einzige Mitglied seiner Familie, das eine Universitätsausbildung erhielt. Er schrieb seine Doktorarbeit über das Berliner Biergeschäft und analysierte dessen Umwandlung in eine moderne Industrie durch die Entstehung großer Abfüllunternehmen. Für den Rest seines Lebens behielt er ein Faible für altmodisches Handwerk und die Interessen kleiner Produzenten. 1903 trat er der Nationalliberalen Partei bei und befürwortete voll und ganz das Eintreten dieser Gruppe für ein starkes Deutsches Reich. Er drängte auf die Schaffung einer Flotte auf hoher See und unterstützte die gesamtdeutschen Bestrebungen des Deutschen Kolonialbundes. Gleichzeitig wirkte sich seine Meisterschaft in der Sozialgesetzgebung jedoch gegen die seiner Nationalliberalen Kollegen aus, die sich gegen staatliche Eingriffe in die Vorrechte des Großunternehmens aussprachen. Angriffe des rechten Flügels der Nationalliberalen Partei gegen ihn in der Kaiserzeit nahmen die Herausforderungen vorweg, denen sich nicht rekonstruierte Nationalisten in der Weimarer Ära stellen würden.

1907, im Alter von achtundzwanzig Jahren, wurde Stresemann das jüngste Mitglied im Reichstag. Wie die meisten Deutschen der gebildeten Mittelschicht begrüßte er den Kriegsausbruch 1914 mit Begeisterung, und obwohl ihn seine Krankheit aus Uniform heraushielt, nutzte er seine Position im Reichstag, um die ehrgeizigen Kriegsziele Deutschlands voranzutreiben. Als Verfechter der uneingeschränkten U-Boot-Kriegsführung spielte er eine Schlüsselrolle beim Sturz von Bundeskanzler Theobald von Bethmann Hollweg, der sich gegen den Einsatz von U-Booten gegen die neutrale Schifffahrt aussprach. Stresemann, der fast bis zum bitteren Ende vom deutschen Sieg überzeugt war, war entsetzt über die Niederlage Deutschlands im Jahr 1918.

Stresemann wurde nicht sofort zum Konvertiten zur neuen republikanischen Ordnung - und die Tiefe dieser Konvertierung blieb fraglich. Er lehnte die Weimarer Verfassung ab und lehnte den Versailler Vertrag zutiefst ab. Trotzdem sah er in der jungen Republik, die von Putschversuchen von rechts und links, politischen Attentaten und dem Zusammenbruch der Währung heimgesucht wurde, die neue konstitutionelle Demokratie als die einzige praktische Alternative zu anhaltendem Chaos an. Nachdem er 1920 bei der Gründung der Mitte-Rechts-Deutschen Volkspartei mitgewirkt hatte, wurde er im August 1923 Kanzler und leitete eine "große Koalition", die seine eigene Partei, die Sozialdemokratische Partei, die Zentrumspartei und die Deutsche Demokratische Partei umfasste. Obwohl er die Kanzlerschaft nur vom 13. August bis 23. November 1923 innehatte, gelang es ihm in diesen turbulenten Monaten, die deutsche Politik des "passiven Widerstands" gegen die französische Besetzung des Ruhrgebiets zu beenden, die eine Voraussetzung für die wirtschaftliche Erholung Deutschlands und eine notwendige Premiere war Schritt in Richtung Versöhnung mit Frankreich. Weniger lobenswert war, dass Stresemann im Inland eine milde Haltung gegenüber Adolf Hitlers fehlgeschlagenem Putsch in der Bierhalle vom November 1923 einnahm und damit dem Naziführer half, die Bestrafung zu vermeiden, die er am Karriereende verdient hatte.

Stresemann ist bekannt für seine sechsjährige Amtszeit als deutscher Außenminister. 1924 orchestrierte er die Akzeptanz des von Amerika gesponserten Dawes-Plans durch Deutschland, der durch die Umstrukturierung der deutschen Kriegsentschädigungszahlungen zur Stabilisierung der deutschen Währung beitrug. 1925 half Stresemann bei der Aushandlung der Verträge von Locarno, die die Unverletzlichkeit der deutschen Westgrenzen und die Entmilitarisierung des Rheinlandes bestätigten. In Bezug auf die deutschen Ostgrenzen zu Polen und der Tschechoslowakei stimmte Stresemann zu, dass Berlin keine Änderungen ohne Schiedsverfahren versuchen würde, befürwortete diese Grenzen jedoch nicht offiziell. Diese Einschränkung spiegelte die anhaltende Opposition von Stresemann und Deutschland gegen die östliche Siedlung wider. Ein Jahr nach Locarno trat Deutschland dem Völkerbund bei, ein Schritt, den Stresemann aktiv gefördert hatte. Der deutsche Außenminister sorgte auch dafür, dass Deutschland den Kellogg-Briand-Pakt (1928) unterzeichnete, der den Krieg als Instrument der nationalen Politik verbot.

Der 1929 verstorbene Stresemann erlebte nicht, wie schnell das von ihm mitgebaute Friedens- und Schiedsgebäude in Trümmer fiel. Die Fragilität seines internationalistischen Projekts ist Teil der Mehrdeutigkeit seines Erbes. Ein weiterer Teil ergibt sich aus der Tatsache, dass sein Streben nach internationaler Versöhnung darauf abzielte, das Wiederaufleben Deutschlands als europäische Großmacht zu fördern. Angesichts des Vorrangs seines deutschen Nationalismus fragen sich viele Historiker, ob er zu Recht als Urvater des europäischen Integrationsprojekts nach dem Zweiten Weltkrieg angesehen werden kann. Andererseits hat sein Verständnis, dass die nationale Wiederbelebung Deutschlands nur im weiteren Rahmen eines stabilen und friedlichen Europas erreicht werden kann, sicherlich die späteren Ideale von Konrad Adenauer und Helmut Kohl vorweggenommen.