Entnazifizierung

Auf der Potsdamer Konferenz (17. Juli bis 2. August 1945) wurde die Idee einer Säuberung des deutschen Staatsapparats nach dem Sieg der Alliierten vereinbart. Das sogenannte Potsdamer Abkommen forderte die Beseitigung jeglichen nationalsozialistischen Einflusses nicht nur vom Staatsapparat, sondern auch von der deutschen Gesellschaft insgesamt, ihrer Kultur, Presse, Wirtschaft und Justiz. Die Vereinbarung drückte jedoch nur ein allgemeines Prinzip aus, und der tatsächliche Entnazifizierungsprozess änderte sich im Laufe der Zeit als Reaktion auf die politischen Zwänge, die die alliierten Besatzer betrafen. es variierte auch je nach Besatzungszone.

In allen Gebieten bedeutete Entnazifizierung jedoch ein immenses Unternehmen des Social Engineering, dessen Auftakt die Massenverhaftung eines Teils der männlichen Bevölkerung Deutschlands war. So wurden zwischen Mai 183,000 und Januar 1945 rund 1947 Menschen in Internierungslagern eingesperrt. Davon wurden schätzungsweise 86,000 befreit. Diese Zahlen beziehen sich jedoch ausschließlich auf die drei westlichen Besatzungszonen.

Diese Internierung wurde rechtlich durch das sogenannte Gesetz zur Befreiung vom Nationalsozialismus und Militarismus (März 1946) untermauert, das vom Interalliierten Rat für Berlin gebilligt wurde, das Schuldkategorien definierte und die gegen sie zu verhängenden gerichtlichen Sanktionen vorsah. Klassifizierung, Triage, Inhaftierung und Sanktion: Die klare Absicht war, dass das Social Engineering der Säuberung akribisch kontrolliert und auf offensichtlich konsistente Weise verwaltet wird. In Wirklichkeit ging die Praxis der verschiedenen Besatzungsmächte schnell auseinander.

Die sowjetische Besatzungszone war zweifellos am stärksten von repressiven Maßnahmen betroffen. Die Sowjets wurden in Sonderlagern inhaftiert, wenn jemand verdächtigt wurde, an der Partei- oder Staatsorganisation des Dritten Reiches beteiligt zu sein, und nicht weniger als XNUMX Menschen kamen bei einer Säuberung von auffallender Schnelligkeit und Vollständigkeit ums Leben. Die Gründe für die besonders energische Aufmerksamkeit der Sowjets für die Entnazifizierung hatten viel mit der Ideologie und Legitimität des sozialistischen Staates zu tun, den sie aufbauen wollten. Die Bedingungen in den Sonderlagern waren besonders hart, und der gesamte Prozess der Entnazifizierung wurde vom NKWD, der sowjetischen Geheimpolizei, überwacht. Die Unterdrückung war somit von Geheimhaltung und Gewalt geprägt, konnte aber gleichzeitig als rituelle Funktion angesehen werden, die notwendig und vorbereitend für die Wiedereingliederung kompromittierter Eliten im Kontext einer Gesellschaft im Chaos war, deren Erfahrung für Material und Material unverzichtbar blieb staatlicher Wiederaufbau.

Der US-amerikanische Ansatz zur Entnazifizierung zeichnete sich durch das Ausmaß der Verhaftungen und die Anzahl der Anklagen aus. Die einfachsten Fälle wurden mit Hilfe eines Fragebogens mit 131 Fragen behandelt, ein Verfahren, das später in seinem Buch eine blasige Erwiderung von Ernst von Salomon hervorrief Der Fragebogen (1951; Der Fragebogen), in dem die Erfahrungen der vom Ersten Weltkrieg geprägten deutschen Generation erneut aufgegriffen wurden - eine Generation, die die Hauptakteure der nationalsozialistischen Tragödie lieferte.

Nachdem sie den Fragebogen beantwortet hatten, wurden Verdächtige gemäß dem oben genannten Befreiungsgesetz in fünf Kategorien eingeteilt: Haupttäter, Straftäter, kleinere Straftäter, Anhänger und entlastete Personen. Nicht weniger als neunhunderttausend Fälle wurden von den 545 Entnazifizierungsgerichten in der US-Besatzungszone verhandelt. Die meisten Fälle wurden deutschen Richtern zugewiesen. Wenn der amerikanische Ansatz zur Entnazifizierung jedoch durch sein massives Ausmaß und seine bürokratischen Tendenzen gekennzeichnet war, erlebte er auch eine deutliche Entwicklung. Unter der Leitung von Hochkommissar John McCloy und im Kontext der ersten Spannungen des Kalten Krieges bremsten die Amerikaner ab 1948 die Entnazifizierung. Zu dieser Zeit schuf der Aufbau der Bundesrepublik Deutschland ein dringendes Bedürfnis nach den Talenten der Kriegsgeneration, und die Amerikaner zeigten diesbezüglich einen Pragmatismus, der der von den Ostdeutschen formulierten Anklage, diese Entnazifizierung, ein gewisses Maß an Glaubwürdigkeit verleiht wurde nie durch Absprache zwischen besiegten und siegreichen Kapitalisten abgeschlossen.

Die Franzosen und Briten gingen noch pragmatischer vor als die Amerikaner. Auch sie stützten ihre Arbeit auf eine Kategorisierung in fünf Klassen, überließen die beiden weniger schwerwiegenden Verdächtigenklassen deutschen Gerichten und ließen die Mehrheit ihrer Inhaftierten frei, ohne ihre Aktivitäten während der Nazizeit jemals ernsthaft zu untersuchen.

Diese praktischen Unterschiede in den Ansätzen der Besatzungsmächte spiegeln sich in den Statistiken für ihre jeweiligen Zonen wider. Von insgesamt 250,000 inhaftierten Personen wurden 86,000 rund 1947 freigelassen. Während die Amerikaner, Briten und Franzosen zusammen zwischen 42 und 53 Prozent der 183,000 Häftlinge freigelassen hatten, hielten die Sowjets ihrerseits weiterhin 88 Prozent ihrer 67,000 Gefangenen gefangen. Ihre Politik war also sofort von ihrer Breite und Härte geprägt.

Im Allgemeinen schwankte die Entnazifizierung zwischen zwei Imperativen: Einer, der ethischer und zeugender Natur war, forderte Strafverfolgung und Bestrafung für NS-Verbrechen; Die andere, pragmatische Ordnung, plädierte für eine mildere Behandlung angesichts der absoluten Notwendigkeit des Wiederaufbaus in Deutschland.

Die Ansätze zur Entnazifizierung waren unterschiedlich, aber (mit der möglichen Ausnahme der sowjetischen und ostdeutschen Variante) eine verständliche Antwort auf die Situation. In Westdeutschland wurden Verfahren gegen mutmaßliche Nazis in den 1950er Jahren selten, aber danach mit einer Welle von Gerichtsverfahren erneut aufgenommen. Zu diesem Zeitpunkt war die Entnazifizierung jedoch der einfach gerichtlichen (und in der Tat sehr systematischen) Verfolgung ausgewählter NS-Verbrechen gewichen.